Yol (Der Weg)
Filmvorführung mit Einleitungsvortrag und Diskussion mit Justus Wertmüller
Nach dem Militärputsch in der Türkei im Herbst 1980 schaffte es ein Film, das Interesse ganz Europas auf die Zustände in diesem Land zu lenken. Es war der 1982 fertig gestellte und im gleichen Jahr mit der goldenen Palme von Cannes ausgezeichnete Film „Yol“ von Yilmaz Güney (1937 – 1984), ein Film der erstmals 1994 legal in der Türkei gezeigt werden durfte. Güney – aus politischen Gründen mehrfach in Haft und 1981 unter abenteuerlichen Bedingungen aus der Türkei geflüchtet – konzipierte den Film im Gefängnis und hat ihn später im französischen Exil aus Material zusammengestellt, das Freunde nach seinen Anweisungen teilweise klandestin in der Türkei gedreht hatten.
Yol wurde von der Linken sehr freundlich aufgenommen, jedoch mit dem Lob auch seiner Brisanz beraubt. Er wurde von der türkischen, kurdischen und europäischen linken und liberalen Öffentlichkeit in erster Linie als ein Film der Anklage gegen die Militärherrschaft gefeiert, obwohl er genau das nur zum Teil war. Die fünf Protagonisten, denen ein Hafturlaub gewährt wird und die sich in ihre im mehrheitlich kurdischen Südosten des Landes gelegenen Heimatorte aufmachen, um dort persönliche Angelegenheiten zu regeln, sind keine politischen sondern kriminelle Gefangene. Auch ihre Erlebnisse außerhalb der Gefängnismauern haben mit politischem Widerstand gegen die Militärjunta nichts zu tun, umso mehr mit jener anderen Unterdrückung, über die Freunde des Volkes gerne hinwegsehen oder als Begleiterscheinung der Armut rechtfertigen: dem ganz normalen islamischen Alltag.
Es geht um Ehebruch, Ehrenmord, Zwangsverheiratung und Frauenunterdrückung. Die Protagonisten stehen scheinbar unüberwindbaren Zwängen letztlich machtlos gegenüber und zerbrechen daran. Nicht das Gefängnis, dem sie kurzfristig entkommen sind und das sie bei einer der in der Türkei häufigen Amnestien in absehbarer Zeit als freie Männern würden verlassen können, ist ihr größtes Problem. Als das wahre Gefängnis stellt sich ihnen eine Gesellschaft dar, in der Clanstrukturen und religiös geprägte Moral jeden Versuch vereiteln, ein individuelles, in Grenzen gar sinnlich erfüllteres Leben zu entfalten.
Yilmaz Güney hat „Yol“ wie seine anderen Filme als Künstler und Revolutionär noch ganz selbstverständlich aus dem Blickwinkel des Westens gedreht. Seine Liebe zu den Menschen und der (kurdischen) Landschaft ist keine primitive Komplizenschaft mit dem Volk auf angestammtem Boden. Die Landschaft wie die Menschen erscheinen fremd und feindselig solange ein übermächtiger, durch den Islam und die Verwandtschaftsherrschaft vermittelter Naturzwang, nicht nur jede freundliche Regung erstickt, sondern die dortigen Verhältnisse als immer auswegloser erscheinen läßt.
„Yol“ ist ein kurdischer Film, der viel eindrucksvoller die notwendige und vernichtende Kritik an kurdischem Nationalismus vollzieht, als jede noch so kluge Streitschrift gegen die PKK. Yol ist die Denunziation jeden Kulturrelativismus im Namen unterdrückter Völker. Yol ist ein revolutionärer Film, weil er eine dezidiert „westliche“, sprich: universale Sehnsucht nach ein bißchen Freiheit und Glück auch für ein Land einfordert, das heute von einer islamistischen Regierung in einen noch trostloseren Zustand zurückversetzt werden soll, als Güney im Entstehungsjahr des Filmes ahnen konnte und ist schon dadurch unbedingt aktuell und sehenswert.
Justus Wertmüller (Berlin) ist Redakteur der Quartalszeitschrift „Bahamas“.
Teach them Lessons in History!
Den Naziaufmarsch am 17. Juni 2009 stoppen!
Ohne Zweifel: Weder die Witzfiguren von der NPD noch der White-Power-Trash, der sich Abend für Abend als "Freie Kameradschaft" an ostdeutschen Tankstellen und Buswartehäuschen zusammenfindet, stehen kurz vor einer Machtübernahme. Ebenso wenig wie "das Kapital", das sich nach traditionellem linken Duktus "hinter dem Faschismus" verbergen soll, hat die offizielle deutsche Politik derzeit ein ernsthaftes Interesse an einer Krisenlösung a la NSDAP. Anders als zu Beginn der neunziger Jahre, als das Asylrecht mit Verweis auf den "Druck von der Strasse", soll heißen: ca. zwei ausländerfeindliche Brandanschläge pro Tag im Jahr 1992, abgeschafft wurde, fungieren die Neonazis noch nicht einmal als Berufungsinstanz der deutschen Politik.
Und trotzdem: Abgesehen von der ästhetischen Zumutung, die die Kostüme und Gesichter der Herren und Damen Nazis darstellen, sind sie im Einzelfall nach wie vor eine Gefahr für Leib und Leben von Ausländern, Obdachlosen, Punks etc. - insbesondere dann, wenn ihnen nicht regelmäßig wirkungsvoll entgegengetreten wird.
In durchschnittlichen westdeutschen Städten wird dieser Job inzwischen in der Regel von der so genannten Zivilgesellschaft übernommen: Kaum geben Nazis bekannt, einen Aufmarsch durchführen zu wollen, werden Bürgerversammlungen ausgerufen, zivilgesellschaftliche Initiativen führen Blockadetraining durch, der Bürgermeister setzt sich an die Spitze der Proteste. In Städten wie Halle stellt sich hingegen die Frage, ob den einschlägigen ziviligesellschaftlichen Aufrufen gegen den Naziaufmarsch am 17. Juni tatsächlich mehr Leute folgen werden, als die, die ihr Erscheinen als Überstunde abrechnen können: Gewerkschaftsfunktionäre, Pfarrer oder Schulklassen, die von ihrem Sozialkundelehrer dazu verdonnert wurden. In einer solchen Situation wird es auch für diejenigen nötig, gegen Nazis und ihre Aufmärsche zu protestieren, die die einschlägigen Aktivitäten lieber denjenigen überlassen würden, die dafür bezahlt werden, den Ruf ihrer Heimatstadt retten wollen oder in ihrer Kindheit an zu wenigen Geländespielen teilgenommen haben.
Wir rufen darum dazu auf, am 17. Juni gegen den Aufmarsch der halleschen NPD aktiv zu werden.
Nicht, weil wir um den Ruf der Stadt Halle besorgt sind. (Der ist uns nicht nur egal - wir gönnen es Halle, dessen Bürgermeisterin vor einigen Jahren noch gemeinsam mit Nazis Kränze zum Volkstrauertag abwarf, sogar, als braunes Nest in die Schlagzeilen zu kommen.)
Nicht, weil wir an einem "Aufstand der Anständigen" in der ostdeutschen Provinz interessiert sind. (Auch das "andere Deutschland", auf das sich die Zivilgesellschaft regelmäßig beruft, ist noch deutsch genug.)
Und auch nicht, weil wir glauben, dass das Leben ohne bekennende Nazis, ihre Demonstrationen und Läden hierzulande sehr viel angenehmer wäre. (Da bleiben immer noch diejenigen, die wie Nazis denken, fühlen und handeln, ihr Kreuz bei der Wahl allerdings bei SPD, CDU, Linkspartei und Co. machen.)
Sondern weil es richtig ist. Manchmal ist es einfach nötig, den Nazis ihre öffentlichen Auftritte zu vermiesen, um sich danach wieder ungestört der Kritik der Verhältnisse widmen oder einfach nur in Ruhe ein Bier trinken zu können.
Mittwoch, 3. Juni 2009, 19 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz, Halle (Saale)
Um die Frage, »Was ist Wahrheit?«, zu beantworten, ist es hilfreich, sich zunächst eine andere Frage zu stellen. Denn die Frage, »Was ist Philosophie?«, gibt dem Problem der Wahrheit erst die Grundlage zu deren Antwort. Mit dieser Umformulierung wird eine zentrale Differenz zu gängigen Vorstellungen von Wahrheit benannt: nicht die Wissenschaft, nicht der Wissenschaftler fragen nach Wahrheit: sie interessieren sich allein für die Bedingungen, die das Funktionieren eines gegebenen Zusammenhangs sicherstellen; für sie ist die praktische Verwertbarkeit entscheidend. Dahingegen sind die, die den gegebenen Funktionszusammenhang selbst thematisieren, die also nach einer Wahrheit fragen, die nicht empirisch zutage tritt, sondern die empirischen Tatsachen ihrer Möglichkeit nach erst bedingt, von vornherein als Philosophen definiert.
Umgangssprachlich ist Philosophie heutzutage gleichbedeutend mit Weltanschauung, Ideologie etc. Wer heute »philosophiert« setzt sich dem »Totalitarismusverdacht« aus, ihm wird unwillkürlich »Fundamentalismus « unterstellt. Positiv gebraucht wird der Begriff meist nur, wenn er praktische Banalitäten idealistisch adeln soll: Etwa wenn ein Pressesprecher von der »Philosophie seines Unternehmens« spricht. Fast alle Universitäten leisten sich zwar weiterhin ihre philosophischen Fakultäten bzw. Fachbereiche.
Was sie aber unter dieser Firmierung anbieten, hat mit Philosophie bestenfalls nur insofern etwas zu tun, als hier, oft sehr beredt, über Philosophen und Philosophien schwadroniert wird. Philosophen als solche wird man an den Universitäten nur selten finden und wenn, dann nennen sie sich nicht so: aus berechtigter Angst, sonst ihre Reputation einzubüßen.
Diese aktuelle Geringschätzung der Philosophie zieht sich nicht konstant durch die theoretischen Auseinandersetzungen in der Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft. Denn die Philosophie steht nicht nur am historischen Beginn der kapitalistischen Akkumulation an zentraler Stelle, sondern wurde immer wieder zu einer regelrechten Mode, der sich die Zeitgenossen kaum entziehen konnten, zu einer Modeströmung, die, wie es Moden vom Begriff her an sich haben, aber ebenso schnell verschwanden, wie sie aufgekommen waren, um dann eine Zeit später eine Renaissance zu erleben, in der allerdings nur alter Wein in neue Schläuche gegossen wurde. Diejenigen, die, was aktuell in Mode ist, die Nicht-Befassung mit philosophischen Fragestellungen propagieren, die also im Kern die Frage nach der Wahrheit beiseite schieben, verstehen sich allerdings nicht als bloße Repräsentanten eines gerade vorherrschenden Zeitgeistes. Philosophie hat sich für sie, und das ist historisch neu, von der Sache her erledigt: sei es, weil sich, für sie, Wahrheit als perspektivisch herausgestellt hat, die Wahrheit also die sei, dass es keine eindeutige, allgemeingültige Wahrheit gebe, sei es, dass sich für sie die Frage nach der Wahrheit auf die Frage nach der Praxis reduziert, also zu recht in den Wissenschaftsbetrieb verschoben worden ist. Zuzugestehen ist, dass, wenn die Wahrheit denn offen zutage läge, wenn also zwischen Wahrheit und (realem) Schein, oder wenn zwischen Wesen und Erscheinung – so die gängige philosophische Terminologie – nicht mehr unterschieden werden kann, dann die Frage nach der Wahrheit, und somit die Philosophie als solche, tatsächlich obsolet wäre. Ideologiekritik weist hingegen nach, dass die kapitalistische Gesellschaft so verfasst ist, dass das Erscheinende, dasjenige also, was von den Wissenschaften als Problem erfasst wird, das Resultat einer notwendigen Verkehrung der Wirklichkeit im allgemeinen Bewusstsein darstellt. Die materialistisch gestellte Frage nach der Wahrheit ist somit zu aller erst die Frage nach der historischen Grundlage, aufgrund der diese Verkehrung möglich geworden ist.
Manfred Dahlmann ist Mitarbeiter des ça ira Verlages und der Initiative Sozialistisches Forum in Freiburg assoziiert. Er ist Mitherausgeber der Bücher »Geduld und Ironie. Johannes Agnoli zum 70. Geburtstag« (Freiburg 1995) und »Kritik der Politik. Johannes Agnoli zum 75. Geburtstag« (Freiburg 2000).
Zurück zur Religion. Durban II als Generalangriff auf den Säkularismus.
Vortrag und Diskussion mit Thomas von der Osten-Sacken Eine Veranstaltung der ag antifa im stura der Uni Halle / antifa.uni-halle.de
Dienstag, 14. April 2009, 19 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz, Halle (Saale)
Konzentrierten sich islamische Länder und obskure NGO in Durban noch ganz darauf die Konferenz zu einem antisemitischen Großereignis umzugestalten, soll es jetzt in Genf zusätzlich noch den bürgerlichen Freiheitsrechten an den Kragen gehen. Seit Jahren arbeitet etwa die Organisation islamischer Staaten daran, die so genannte Islamophobie international als DEN Sündenfall des Rassismus zu verankern. Wer sich abfällig oder kritisch gegenüber dem Islam, seinem Propheten oder dem Koran äußere übe nicht etwa eine berechtigte Kritik, sondern beleidige religiöse Gefühle und diffamiere Millionen von Menschen. Deshalb seien
international Gesetze zu verankern, die solche Kritik unter Strafe stellen sollen. Erst kürzlich hat die UN-Vollversammlung eine entsprechende Resolution verabschiedet. Kommen die islamischen Staaten – fast alle von ihnen sind Diktaturen, in denen das Recht des Einzelnen nichts zählt – mit diesem Vorstoß durch, entscheiden fortan irgendwelche Ulema Mullahs, was Kritik ist und was Beleidigung. Das Recht auf free speech soll so ausgehebelt werden im Namen eines Antirassismus, der inzwischen als Ideologie nur noch gegen die Errungenschaften der bürgerlichen Revolution ins Feld geführt wird.
Durban II soll nicht nur da anschließen, wo Durban I endete, in der partikularen Verurteilung Israels als Apartheidstaat, der Relativierung des Holocaust und der Aufwertung von Suicide Terror zu legitimen Widerstand, diesmal sollen grundlegende Errungenschaften der Aufklärung selbst rückgängig gemacht werden. Vor allem richtet sich Durban II gegen die Idee einer säkular verfassten Gesellschaft. Über die UN soll die „Re-religiösisierung“ von Gesellschaft und Politik ihre Weihen erhalten.
Thomas von der Osten-Sacken ist Mitarbeiter der Hilfsorganisation Wadi e.V. Er schreibt u.a. Artikel für „Die Welt“ und „Jungle World“ und ist Mitherausgeber der Bücher „Sadams letztes Gefecht? Der lange Weg in den III. Golfkrieg“ (Hamburg 2002) und „Amerika. Der 'War on Terror' und der Aufstand der Alten Welt“ (Freiburg 2003).
Ideologiekritische Konferenz
„Die Sehnsucht nach dem Ausnahmezustand“
veranstaltet von der Redaktion Bahamas
am Samstag, den 28. Februar 2009
im Kinosaal der Humboldt-Universität Berlin Unter den Linden 6
Donnerstag, 18. Dezember 2008, 19.00 Uhr
Im Blow Up
Otto-von-Guericke-Straße 60, Magdeburg
Magdeburg ist nicht nur die heimliche Hauptstadt der Zone – hier verdichtet sich all das, was aus Fernsehberichten über unappetitliche Orte wie Delitzsch, Schocha, Röbel oder Schkeuditz bekannt ist. Auch die Magdeburger Linke ist in ihrer übergroßen Mehrheit eine Art Brennglas der deutschen Linken. Zwar will man in der Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts weder etwas von „Multituden“ und „Diskursen“ noch von „Gender“, „Critical whiteness“ oder „Dekonstruktivismus“ wissen – ganz zu schweigen von „kritischer“ Solidarität mit Israel. Hier hält die Mehrheitslinke, scheinbar unbeeindruckt von den bundesweiten Debatten, am klassischen Völkerkunde-Antiimperialismus, der Liebe zum Proletariat und der Parole „Tod den Zionisten“ fest. Gerade durch diese plumpe Art verraten die Magdeburger Volksfreunde allerdings immer wieder unfreiwillig, was sich hinter dem aufklärerisch und fortschrittlich daherkommenden Jargon ihrer Hamburger, Düsseldorfer oder Kreuzberger Genossen verbirgt. Die an Butler, Negri, Deleuze, Zuckermann und Co. geschulte deutsche Linke muss sich dementsprechend, wie nach zwei Überfällen auf Veranstaltungen der Israel-Solidarität im letzten Jahr geschehen, in dem Maß von der stumpfsinnigen Haudrauf-Mentalität der Magdeburger Antiimperialisten distanzieren, in dem sie deren Vorgehen gegen die Störer des linken Betriebsfriedens hinter vorgehaltener Hand gutheißt oder zumindest „verstehen“ kann. In diesem Sinn ist das „Magdeburger Gefühl“ auch ein Hamburger, Düsseldorfer oder Kreuzberger Gefühl.
Es sprechen Justus Wertmüller und Jan Gerber. Justus Wertmüller ist Redakteur der Zeitschrift „Bahamas“, Jan Gerber ist Mitherausgeber des Buches „Rote Armee Fiktion“ (Freiburg: Ça-Ira-Verlag 2007) und schreibt u.a. regelmäßig für „Bahamas“.
Danach: Die große Reeducation Gala mit Egotronic („Raven gegen Deutschland“, Berlin).
„Neustadt Stau - Jetzt geht’s los“
anzuschauen vom 12. bis zum 17. Dezember,
Filmreihe der ag antifa
"German Images
- Filme zum postfaschistischen Alltag"
Kino LaBim (Töpferplan 3, Halle)
Vorführung jeweils um 20 Uhr
Vortrag um 19.30 Uhr
Einleitungsreferat von Christian Uhrheimer (Materialien zur Aufklärung und Kritik, Halle) am 16. Dezember
Der Regisseur Thomas Heise hatte im Jahr 2000 im zweiten Teil seiner Dokumentation jene hallischen Nazis wieder vor die Kamera geholt, die er bereits acht Jahre zuvor in „Stau – Jetzt geht’s los“ beim Saufen, Grölen und Pöbeln gefilmt hatte. Heise wollte mit der Fortsetzung zeigen, wie es um seine ehemaligen Protagonisten zu dieser Zeit stand. Unfreiwillig gelang ihm damit allerdings eine Bestandsaufnahme von Verhältnissen, in denen die Unterschiede von organisierten Nazis und ihren ganz normalen Nachbarn verschwimmen. Es sind Verhältnisse, in denen die Gewalt roh und unvermittelt zutage tritt. Der Film zeigt den tristen Alltag in Halle- Neustadt. Mittlerweile sind die Nazis von gestern älter und auch äußerlich kaum noch von anderen Neustädtern zu unterscheiden. Zu reden sein wird also über ganz alltägliche Gewalt, die sich gegen die eigene Frau, die eigenen Kinder, den Ausländer an der Ecke oder gegen den Nachbarn, der zu laut Musik hört, richtet. „Stau“ bietet Einblicke in eine Gesellschaft, in der ärmliche Gestalten ihr aussichtsloses Leben leben. Sie haben kaum eine Chance auf Verbesserung. Trotz dieser zutiefst menschenunwürdigen Umstände ist Mitleid allerdings nicht angebracht. Denn diese Menschen reflektieren nicht auf ihre Situation. Sie bemühen sich nicht um Einsicht in die irrationalen Verhältnisse. Sie machen dagegen Juden und Ausländer für ihr Unglück verantwortlich. Für sie gilt das Recht des Stärkeren, das sie stets brutal umzusetzen bereit sind. Ein NPD-Parteiausweis ist dabei ebenso irrelevant wie das Bekennen zum „Nazisein“. Dass die Situation hier in der Zone so unangenehm ist, liegt vor allem an jenen ganz normalen Jugendlichen, die so reden, denken und manchmal auch so handeln wie
Nazis.
Filmreihe der ag antifa
"German Images
- Filme zum postfaschistischen Alltag"
Kino LaBim (Töpferplan 3, Halle)
Vorführung jeweils um 20 Uhr
Vortrag um 19.30 Uhr
„Herr Wichmann von der CDU“
vom 14. bis zum 19. November zu sehen, Einleitungsreferat von Sören Pünjer (Redaktion Bahamas, Berlin) am 18. November
„Bellaria - So lange wir leben!“
läuft vom 28. November bis zum 3. Dezember, Einleitungsreferat von Tobias Ofenbauer (Cafe Critique, Wien) am 2. Dezember
„Stau - Jetzt geht’s los“
anzuschauen vom 12. bis zum 17. Dezember, Einleitungsreferat von Christian Uhrheimer (Materialien zur Aufklärung und Kritik, Halle) am 16. Dezember
Veranstaltungsreihe gegen Antisemitismus - in Dessau
Dezember 2008
Hochschule Anhalt, Gebäude 11 (Hardenbergstrasse 11), Dessau
Mittwoch, 3. Dezember, 18.00 Uhr
Vortrag und Diskussion mit Steffen Andersch:
„Antisemitismus in Dessau – Schlaglichter zum lokalen Diskurs 1967-1982“ >> zur Veranstaltungsankündigung
Montag, 8.Dezember, 18.00 Uhr
Vortrag und Diskussion mit Jan Gerber:
„1968, die RAF und die Neue Linke“ >> zur Veranstaltungsankündigung
Montag, 15.Dezember, 18.00 Uhr
Vortrag und Diskussion mit Peter Siemionek:
„Das Netz der Blutsauger: Über ‚Momo‘ und die Reproduktion des
Antisemitismus“ >> zur Veranstaltungsankündigung
Im Zeichen der Krise Massenwahn und gewaltförmige Vergleichung in der Warengesellschaft
Vortrag und Diskussion mit Martin Dornis veranstaltet von der ag antifa
27.11.2008, 19:00 Uhr im Veranstaltungsraum von Radio Corax
Am Unterberg,
Halle
In den letzten Wochen wurde das internationale Finanzsystem durch heftige Erschütterungen schwer lediert. Ausgehend von einem Einbruch der Immobiliengeschäfte in den USA stürzten weltweit die Aktienkurse ein. Die Entwicklung von Indizes wie dem DAX und dem Dow Jones ließ bei weitem nicht nur Politikern und Ökonomen weltweit den Atem stocken. Der Durchschlag der Krise auf das alltägliche Leben ist mehr als offenkundig, allenthalben wird über „Auswirkungen der Finanzkrise auf die Realwirtschaft" gemunkelt. Im Zuge dieser Krise erlebt die staatliche Regulation des Finanzsystems bei weitem nicht nur unter politikfetischistischen Linken eine Hochkonjunktur. Selbst beinharte Neoliberale denken urplötzlich über eine neue Rolle des Staates nach. Finanzexperten der FDP-Bundestagsfraktion entdecken zudem urplötzlich das gute alte Feinbild des „Spekulanten". Der freie Markt wäre eine prima Sache, wenn es nur die „Schnäppchenjäger" nicht gäbe, die einem mit ihrer „Gier" und „Verantwortungslosigkeit" die freie und gesunde Marktwirtschaftssuppe versalzen würden. Die Adresse dieser „Schnäppchenjäger" wird mit schlafwandlerischer Sicherheit in den USA vermutet und gefunden. Die deutsche Bundesregierung frohlockte in Gestalt ihres Finanzminister Steinbrück, dass die führende Rolle der USA nun wohl endgültig vorbei wäre und selbst die Wallstreet jetzt ein völlig anderes Gesicht bekäme. In linkstheoretischen Reflexionen wird einerseits der „ideologische Verarbeitungsprozess" der Krise thematisiert, dabei zurecht auf einen sich zuspitzenden Antisemitismus und Antiamerikanismus verwiesen. Andererseits werden die „realen Fakten" der ökonomischen Krise debattiert. In meinem Vortrag geht es unter strikter Kritik an einem Denken in den Kategorien von Basis und Überbau um beide Seiten in ihrer strukturellen Verquickung. Die tragenden Kategorien der über Warentausch und Kapitalakkumulation global zusammengeschweißten Gesellschaft müssen ihrerseits gedacht werden, um existieren und sich dynamisch entfalten zu können. Ideologie begleitet diese Gesellschaftsform daher von ihrer ersten Minute an. Gleichzeitig ist die Warengesellschaft bereits in ihren Grundeinheiten ein Prozeß der gewaltförmigen Vergleichung von Produkten und Menschen, die per se alles andere denn gleich sind. Damit ist die Möglichkeit der Krise von Anbeginn grundlegend für die bestehende Gesellschaft. In der aktuellen Finanzkrise zeigt sich vor diesem Hintergrund: 1. Der notwendig ideologische Gehalt des Kapitalismus, 2. seine innere Unlogik, 3. die Notwendigkeit, materialistische Gesellschaftskritik vor dem Hintergrund der Krise zu formulieren. Dies muss vor dem Hintergrund des schlimmsten Verbrechens der Geschichte, der deutsch-nationalsozialistischen Massenmordes an den europäischen Juden geschehen. Der damit verbundene Umschlag von Ökonomie in Vernichtung unter der Federführung des direkten staatlichen Zugriffs war die Bewältigung der Krise mit deutschen Mitteln. Materialistische Gesellschaftskritik unter Reflexion auf die Krise muss vor dem Hintergrund von Auschwitz und seiner drohenden Wiederkehr diskutiert werden.
ag antifa im stura der uni halle
Der lange Schatten ...
... vom Nazi-Opa?
In Deutschland mag man Juden – vor allem, wenn sie tot sind. Ganz in diesem Sinn gehen die Landsleute mit der gleichen Hingabe und Begeisterung, mit der sie die europäischen Juden einst verfolgt und ermordet haben, nun daran, deren Lebensgeschichten aufzuarbeiten, jüdische Relikte zu pflegen und sich jüdischen Kitsch in die Schrankwand zu stellen. Sobald die wenigen Nachkommen der Überlebenden ihr Schicksal allerdings in die eigene Hand nehmen, sprich: einen eigenen Staat gründen, in dem sie nicht mehr vom zweifelhaften Wohlwollen deutscher Gutmenschen abhängig sind, schlägt die Judenbegeisterung in Aggression um. Hier wird Anne Frank (weil tot) gegen die israelische Armee ins Spiel gebracht, weil sie dafür sorgen will, dass es nie wieder einen „Fall Anne Frank" gibt. Das offizielle Programm zum diesjährigen Gedenken an die Pogromnacht des Jahres 1938 vereint diese Begeisterung für tote Juden nahezu idealtypisch mit dem Angriff auf die Überlebenden und ihre Nachkommen: Zwischen der Ankündigung für einen „Rundgang zu jüdischem Leben" in Halle, der passenderweise am Jüdischen Friedhof beginnt, und einem Gedenktanz der Katholischen Akademie in der Moritzkirche wird ganz selbstverständlich auf eine Ausstellung im Stadtmuseum verwiesen, die bereits durch ihren Titel („Lange Schatten des 9. November?"), den Tag ihrer Eröffnung (den 70. Jahrestag der Reichspogromnacht) und die Fotografie, mit sie beworben wird, suggeriert, dass die Tradition des 9. November 1938 in der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern aufgegangen ist. Damit kommt die berühmte deutsche Vergangenheitsbewältigung zu sich selbst.
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde im gesamten Deutschen Reich der Terror der Nationalsozialisten offenbar. Die Pogrome, bei denen hunderte Juden ums Leben kamen und mehr als die Hälfte aller Synagogen zerstört wurden, läuteten endgültig die systematische Verfolgung und Ermordung der Juden in Deutschland ein. 70 Jahre später, in einer Zeit also, in der die atomare Auslöschung Israels vom iranischen Präsidenten zur Staatsdoktrin erhoben wurde, in einer Zeit, in der laut einer Umfrage des Forsa-Institutes 23 Prozent der Deutschen latente bis starke antisemitische Einstellungen haben, entdecken nicht nur in Halle Professoren und andere, die im akademischen Betrieb ihr Unwesen treiben, ihr Herz für die „palästinensische Sache". Ihr Engagement gilt als schick, als redlich zumal, und wer etwas auf sich hält im deutschen Kulturestablishment, kritisiert, nicht ohne vorher mit großer Selbstverständlichkeit darauf hinzuweisen, im Prinzip nichts gegen Juden zu haben, Israel für seine „Apartheidspolitik". Zwar konnten bislang weder Maria Nühlen noch Jochen Ehmke, die Macher der Ausstellung „Lange Schatten des 9. November?" im hallischen Stadtmuseum, durch öffentliche Äußerungen dieser größer werdenden Gruppe zugeordnet werden. Ihre Ankündigung zur heute eröffnenden Ausstellung ist jedoch mehr als nur die Eintrittskarte in die „Hall of Shame" (Henryk M. Broder) der Antizionisten.
Denn wer behauptet, Israel erhebe „Anspruch auf Jerusalem als ungeteilte Hauptstadt des Landes", ganz so, als hätte die gegenwärtige Ministerpräsidentin Zipi Livni nicht schon mehrfach darauf hingewiesen, dass die Übergabe Ost-Jerusalems als Teil einer Verhandlungslösung von der gegenwärtigen Regierung akzeptiert werden würde, zeichnet genau das Bild, das linke und rechte Antisemiten immer wieder bemühen: nämlich Israel als böser Aggressor und die Palästinenser als arme Unterdrückte, die sich nur eines wünschten: „Frieden" und „Ost-Jerusalem als Hauptstadt" – ganz so, als ob die islamistische Terrorgang Hamas bei den letzten palästinensischen Wahlen nicht die absolute Mehrheit erreicht hätte und deren Charta nicht die restlose Beseitigung Israels von der Landkarte verlange. Ganz so, als hätten die Palästinenser in der Geschichte nicht schon mehrere Male das Angebot auf einen eigenen Staat mit dem Verweis auf den Besitz des „ganzen Landes" ausgeschlagen. Und ganz so, als würde nicht jeder Märtyrer, der sich in einem israelischem Café in die Luft sprengt, als palästinensischer Volksheld beerdigt und von einer Unmenge Menschen unter Gewehrsalven, dem Schwenken grüner Fahnen und dem Ausstoßen von Vernichtungsdrohungen gegenüber dem jüdischen Staat zu Grabe getragen. Wer diese Realitäten bewusst verleugnet, und wem am propagandistischen Effekt beim Verbreiten von Halbwahrheiten gelegen ist, der steht folgerichtig auch „sprachlos an den Mauern in Ost-Jerusalem", wie Nühlen und Ehmke in ihrer Ausstellungsankündigung versichern. Mauern und Zäune, die volksdeutsche Professoren zwar „sprachlos" machen, die aber in Israel dafür sorgen, dass seit deren Errichtung Selbstmordanschläge, die in den palästinensischen Gebieten von 73 Prozent der Bevölkerung („European Centre for Common Ground") für legitim erachtet werden, signifikant zurückgegangen sind. Nühlen und Ehmke basteln sich ihre Sicht der Dinge, wohl wissend, dass ihr Publikum von solchen in Deutschland gänzlich unbeliebten Wahrheiten genauso wenig wissen möchte, wie sie selbst.
Wer am 9. November, dem Tag der Reichspogromnacht, eine Ausstellung mit dem Titel „Lange Schatten des 9. November?" eröffnet, deren Werbetext und die dazugehörige Abbildung auf nichts anderes schließen lassen, als dass die Palästinenser die neuen Juden seien und damit die Nazis von Gestern in den Israelis von Heute ihren modernen Ausdruck fänden; sprich: dass die Israelis aus dem Holocaust nichts gelernt hätten und nun mit dem Palästinensern genau das täten, was ihnen selbst einst angetan wurde, der kann damit kaum etwas anderes bezwecken, als die Taten des eigenen Nazi-Opas (für Feministen: der Nazi-Oma) zu relativieren. Ganz in diesem Sinn werden die entsprechenden Analogien nicht nur im Ankündigungstext Nühlens und Ehmkes suggeriert. Das Foto, mit dem für die Ausstellung geworben wurde – und mit dem über den Inhalt damit unfreiwillig bereits alles gesagt sein dürfte –, zeigt eine übermächtig erscheinende Mauer mit der Beschriftung „From Warsaw Ghetto to Abu-Dis-Ghetto". Wir wissen zwar, dass an der Hochschule Merseburg, an der Nühlen und Ehmke seit vielen Jahren tätig sind, keine Geschichte gelehrt wird, hoffen aber trotzdem darauf, dass sich in nächster Zeit einmal jemand erbarmen und den beiden Hobbyfotografen den Unterschied zwischen dem Warschauer Ghetto und der palästinensischen Stadt Abu-Dis erklären wird.
Nühlen und Ehmke werden, wie üblich in solchen doch recht pikanten Zusammenhängen, erklären, die Fotografien würden lediglich die Realität abbilden und hätten mit persönlichen Meinungen oder Ansichten dementsprechend nichts zu tun. Dem ist entgegenzuhalten, dass Nühlen und Ehmke nicht die Verfasstheit der palästinensischen Gesellschaft, in der es als ehrenwert gilt, als Suicide Bomber so viele jüdische Zivilisten wie nur möglich zu ermorden, kritisieren. Sie fragen sich nicht, weshalb selbst die als „gemäßigt" geltende Fatah mit den Al-Aksa-Brigaden eine eigene Terrorgruppe unterhält, und sie fragen auch nicht, warum nur eine monströse Mauer Menschen davon abhalten kann, andere zu töten. Auch wundern sie sich nicht, dass kaum einer der israelischen Freunde, die sie mit Sicherheit vorzuweisen haben, sie in den Gazastreifen begleiten möchte. Nein, stattdessen fabulieren sie lieber über „Schikanen an den unzähligen Checkpoints", „neue, israelische Reihenhaussiedlungen im Palästinensergebiet" und „schwerbewaffnete Doppelstreifen israelischer Soldaten".
In Deutschland kommt so etwas immer gut an, denn schließlich meinen 81 Prozent der Bundesbürger, Israel sei die „größte Bedrohung für den Weltfrieden". Es geht ihnen um nicht weniger, als eine Denunziation des Staates der Holocaustüberlebenden, das nach der Erfahrung des Zivilisationsbruchs der Shoa für viele Juden vor allem eines bot und noch heute bietet: Hoffnung auf ein Leben als Jude ohne Verfolgung und Ermordung. Die Lebensbedingungen der Palästinenser sind den Israelkritikern in Wahrheit ebenso egal wie der korrekte Grenzverlauf zwischen Papua-Neuguinea und den Fidschi-Inseln. Der Verweis auf das Leiden der Palästinenser dient lediglich als Alibi; die Israelkritiker sind, wie Broder einmal formuliert hat, vielmehr „dankbar für die Möglichkeit, [ihre] Ressentiments in einer politisch korrekten Form auszuleben".
ag „no tears for krauts" halle,
9. November 2008
Becketts Endspiel und King of Queens – Versuch, die Kulturindustrie zu verstehen
Bei Beckett sind die Eltern von Hamm gut in den Haushalt integriert, sie leben in den Mülltonnen, und hebt Hamm den Deckel ab, sagt er nur: »Seid ihr noch nicht zu Ende? Kommt ihr nie zu Ende?«
Die Kulturindustrie macht immer weiter: Der Vater von Carrie aus der US-Sitcom King of Queens haust im Keller, aus dem er wie von einer Mülldeponie vergangener Moden seine Pullover holt. Der Unterschied ist nur, dass jeder Mann, jede Frau, mit Doug und Carrie sich identifizieren kann, nicht aber mit Hamm und Clov. Für ständige Abwechslung im Immergleichen ist gesorgt, beim Pullover-Muster wie in den Beziehungskonflikten. Während das Endspiel die Deformationen vorführt, »die den Menschen von der Form ihrer Gesellschaft angetan werden« (Adorno), üben die US-Sitcoms durch die Deformationen hindurch, die sie affirmieren, zivilisatorische Standards ein, wie sie auf einer bestimmten Entwicklungsstufe kapitalistischer Warenproduktion jeweils möglich sind.
Diese Dialektik der Aufklärung kommt bei Adorno und Horkheimer merkwürdigerweise zu kurz. Dabei ist kein Jota ihrer Kritik an der Kulturindustrie zurückzunehmen und jede Deformation als solche zu denunzieren. Nur wäre zu fragen, ob nicht schon in der Formulierung des Begriffs der Frage des Staats zugunsten einer diffusen Vorstellung von Macht ausgewichen wird, und dadurch ungeklärt bleibt, auf welche Weise die Konsumenten der Kulturindustrie sich jeweils mit politischen Instanzen identifizieren; ob also nicht die Kritik des Staats auf dem Gebiet der Kulturindustrie erst noch zu eröffnen wäre. Für die postnazistische Situation könnte das etwa heißen, Doug und Carrie aus Queens den deutschen Paaren gegenüberzustellen, die als Tatort-Ermittler in den Nachfolgestaaten des Dritten Reichs ihr Unwesen treiben.
Mitschnitt der Podiumsdiskussion "Kritik versus Realpolitik?
Die Zukunft der Israelsolidarität." online
Mit etwas Verzögerung stellen wir nun einen Mitschnitt der im Juni 2008 stattgefundenen Veranstaltung "Kritik versus Realpolitik?
Die Zukunft der Israelsolidarität." online. Auf dem Podium diskutierten Stephan Grigat und Justus Wertmüller. >> zum Download
Im August veranstaltet die ag antifa im stura der uni halle einen Vortrag.
Horst Pankow wird unter dem Titel „Wir sind Dalai Lama."
Ein Mönch und die Bedürfnisse seiner deutschen Anhänger referieren. >> zur Ankündigung
Dienstag, 12. August 08, 19 Uhr
Radio Corax: Veranstaltungsraum
Unterberg 11 (Nähe Universitätsplatz), Halle (Saale)
>>zum Mitschnitt des Vortrags: Wir sind Dalai Lama.
Ein Mönch und die Bedürfnisse seiner deutschen Anhänger. von Horst Pankow
Wochenendseminar am 25. und 26. Juli 08 - Anmeldung erforderlich!
Antikapitalismus ist in Deutschland en vogue. Sozial- und Christdemokraten sind sich mit Linkspartei und NPD einig, dass der „Raubtierkapitalismus“ (Helmut Schmidt) vom Staat gezähmt und in eine Marktwirtschaft mit menschlichem Antlitz, d.h. staatlicher Regulation und Drangsalierung, verwandelt werden müsse. Das alte deutsche Ressentiment gegen die abstrakte Gleichheit und Freiheit der bürgerlichen Gesellschaft, das sich in den Reden und Pamphleten von Politikern, Pfaffen und NGOs austobt, zielt darauf ab, die Welt wieder zu einem überschaubaren und natürlich eingerichteten Ort zu machen, an dem niemand mit der Freiheit zu denken konfrontiert wird und ganz darin aufgehen kann, Exemplar einer urwüchsigen Gemeinschaft zu sein.
Mit solchem Antikapitalismus hat Marx’ Kritik der politischen Ökonomie nichts gemein – sie ist sein gerades Gegenteil. Marx kritisiert das Kapital als ein automatisches Subjekt, das sich – obgleich dem Handeln von Menschen entsprungen – durch sie hindurch reproduziert und ihnen seine eigentümliche Logik aufherrscht. Das Kapital ist damit eine Verkehrung von Subjekt und Objekt, insofern es die unter es subsumierten Individuen als aus freiem Willen entscheidende nur simuliert, während in Wahrheit das Kapitals selbst das Subjekt der Geschichte ist. Um diesen Skandal zu beenden und die Menschen im Geiste der Aufklärung zu Herren ihrer eigenen Geschicke zu machen, hat Karl Marx vor etwa 150 Jahren ein Buch geschrieben, das noch heute die beste Kritik der kapitalistischen Gesellschaft in ihren Grundzügen darstellt. Aus diesem Grund lohnt es sich nach wie vor, es zu lesen und zu diskutieren.
Im Seminar sollen Struktur und Begrifflichkeiten des ersten Kapitels des ersten Bandes des Kapitals erklärt und gemeinsam erarbeitet werden, um – mit den Grundbegriffen ausgerüstet – das Studium des Kapitals und die Kritik des Kapitals in Eigenregie fortführen zu können. Dabei liegt die Betonung auf der Textlektüre, weil erst ein gewisses Maß an genauer Textkenntnis den Raum für verschiedene Lesarten öffnet.
Philipp Lenhard, freier Autor aus Köln u.a. für Bahamas und Prodomo, wird das Seminar leiten und dabei darauf achten, dass der Gesamtkontext des Werkes nicht aus den Augen verloren wird. Er hat zwar nicht auf jede Frage eine Antwort, meint aber, dass es wichtiger ist, die entscheidenden Fragen zu stellen. Das Ziel des Seminars ist es also nicht, am Ende „Bescheid zu wissen“, sondern kritisch gedacht zu haben. Denn nur die Kritik – und das ist der keineswegs zufällig im Untertitel des Kapitals auftauchende zentrale Marx’sche Begriff – geht aufs Ganze: sie fordert die Abschaffung jeglicher Herrschaft und Ausbeutung.
Eine Anmeldung ist erforderlich, da die Teilnehmerzahl begrenzt ist (agantifa@googlemail.com). Ein Reader wird rechtzeitig vor der Veranstaltung ausgegeben
Der Geist als Beute.
Über die bandenmäßige Reorganisation der deutschen Universitäten.
Mittwoch, 2. Juli 2008
Beginn bereits 18.00 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz, Halle (Saale)
Die Universität, heißt es, drohe sich dem kapitalistischen Markt auszuliefern, zum Job-Center zu werden und soziale Ungleichheiten stärker als je zu perpetuieren. So abstrakt gesprochen ist das alles nicht falsch, betrachtet man aber die konkreten Formen, in denen sich solcher Protest artikuliert, und vergleicht sie mit den Arbeitsweisen, die sich innerhalb der Uni als „Cluster”, Graduiertenkollegs usw. herausbilden, stellt man bald fest, daß die universitäre Verwaltung und der studentische Protest sich gar nicht so feindlich gegenüberstehen, wie es den Anschein hat. Tatsächlich fürchten sie alle nichts mehr als das, was unter dem Namen des freien Marktes wahrhaft verstanden werden könnte: die Konkurrenz der Gleichen, bei der sich tatsächlich diejenigen mit dem differenziertesten geistigen Profil durchsetzen könnten. Ersehnt wird statt dessen: Protektion, autoritäre Herzenswärme, universitärer Gemeinschaftsgeist – kurz, der böse Vater soll nicht überwunden, sondern durch den guten Papa ersetzt werden, als den Studierende wie Lehrende sich ihre Alma Mater wünschen. Die Massenuniversität, in der jeder sich gegen einen anonymen Verwaltungsapparat behaupten muß, wird dabei transformiert zum Racket, das zwar noch grausamer gegen den Einzelnen ist, dafür aber umso mehr gütigen Gemeinschaftsgeist aufbringt. Wie das sich im Alltag reflektiert, soll der Vortrag anhand so unappetitlicher Dinge wie Examensfeiern und Uni-T-Shirts, vor allem aber anhand der
Protestformen einer ‚jungen’ Generation studentischer Aktivisten untersuchen, denen die Uni vor allem eines zu sein scheint: ein a priori feindlicher Raum, den man besetzen und verschandeln muß, um sich wohl zu fühlen. Magnus Klaue lebt und arbeitet in Berlin. Er veröffentlicht regelmäßig in der Zeitschrift „konkret”.
Kritik versus Realpolitik?
Die Zukunft der Israelsolidarität.
Montag, 16. Juni 08, 19 Uhr
Melanchthonianum, Uni Halle
Die materialistische Kritik an der Volks- und Staatsbegeisterung der deutschen Linken, die seit dem Ende der achtziger Jahre formuliert wurde, war stets mehr als eine allgemeine Staatskritik. Im Unterschied zur autonomen Linken, die „Feuer und Flamme für jeden Staat“ forderte und dabei zuallererst an Israel dachte, betonte sie den Unterschied. Denn auch wenn der Staat stets der „Staat des Kapitals“ (Johannes Agnoli) ist, ist Staat eben nicht gleich Staat. Während Israel als Reaktion auf die Barbarei einer in Staaten eingeteilten Welt gegründet wurde, wurde Deutschland spätestens mit Auschwitz zur Avantgarde dieser Barbarei. Angesichts dieser Erkenntnis fielen die Solidarität mit Israel, die Kritik am Kapitalismus, an Deutschland und seinen geistig-moralischen Verbündeten in eins.
Inzwischen ist Israel nicht mehr „nur“ durch die konventionellen Armeen seiner Nachbarstaaten, den Terror der diversen islamischen Gangs und die Ungunst der „internationalen Staatengemeinschaft“ bedroht. Der Iran, dessen Führung die Vernichtung Israels zum Staatsziel erhoben hat, ist auf dem besten Weg zur Atommacht. Europa übt sich gegenüber dem Mullah-Regime derweilen in Appeasement. Vor diesem Hintergrund greift ein Teil der Israelsolidarität auf die lange Zeit verpönte Kampagnen- und Kongresspolitik zurück und sucht seine Bündnis- und Ansprechpartner in der vielbeschworenen Mitte der Gesellschaft: Bei mehreren israelsolidarischen Konferenzen, bei denen die iranische Bedrohung thematisiert wurde, wurde gefordert, endlich auf das Theoretisieren zu verzichten und zu „knallharter Realpolitik“überzugehen.
Vor diesem Hintergrund diskutieren Stephan Grigat und Justus Wertmüller über die Zukunft der Israelsolidarität. Sie fragen: Ist die Kampagnenpolitik Ausdruck des Niedergangs der Israelsolidarität oder ihre Reproduktion auf einer höheren Stufe? Löst sich die Israelsolidarität im Rahmen der aktuellen Kampagnenpolitik von der Kritik? Verwandelt sich Deutsch-Europa also vom Gegenstand der Kritik in einen positiven Ansprechpartner? Ist die israelsolidarische Politikberatung nach dem Liberalismus das nächste Ticket für den Marsch in die ?Mitte der Gesellschaft“? Oder wird es angesichts der existenzbedrohenden Situation, in der sich Israel befindet, nicht tatsächlich Zeit, Kompromisse zu machen und sich in die Realpolitik einzumischen?
Weiterleitung der Ankündigung erwünscht. Um das Webbanner in eure Website zu integrieren könnt ihr diesen html-Code benutzen:
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Wenn die Partei das Volk entdeckt. Ein kritischer Beitrag zur Volksfrontideologie und ihrer Literatur
Fr. 25. April 2008, 18.30 Uhr
Melanchthonianum, Uni Halle
Volksfront – Mit diesem Begriff verbinden die meisten Menschen ein lange erwartetes und für dringend notwendig erachtetes, gemeinsames Vorgehen gegen den Nationalsozialismus und sehen ihn von daher ausschließlich positiv. Tatsächlich aber forderte die Volksfrontideologie, die für alle organisierten Kommunisten ab 1935 obligatorisch zu befolgende Parteilinie war, unverbrüchliche Treue gegenüber der jeweiligen Außenpolitik der UdSSR, was unter anderem bedeutete, dass deutsche Kommunisten nach dem Spätsommer 1939 nicht mehr gegen den Nationalsozialismus – durchgängig Faschismus genannt – agitieren durften, und dass die in Moskau exilierte KPD-Spitze 1940 von den angeblich weniger gefährdeten „einfachen“ Kommunisten in Frankreich verlangte, nach Deutschland zurückzugehen bzw. sich der Gestapo zu stellen. Erst mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion rückte der Nationalsozialismus wieder in den Focus kommunistischer Aufmerksamkeit.
Deutsche Volksfront – das bedeutete auch die ständig wiederholte Behauptung, dass das gesamte deutsche Volk als Gesamtheit – mit Ausnahme des „Monopolkapitals“ - unter der „Hitler-Diktatur“ leide und sie bekämpfe. Wer mit diesen inhaltlichen Vorgaben seine Schwierigkeiten hatte, sie gar bezweifelte und/oder kritisierte, geriet nach 1949, ganz besonders während der frühen fünfziger Jahre, in Widerspruch zu Partei- und Staatsapparaten, denen nicht an der Debatte, sondern an fügsamen Staatsdienern gelegen war. Die Verfolgungswelle gegen die sogenannten (ehemaligen) Westemigranten, bei denen es sich tatsächlich um kritischere Kommunisten handelte – so hatte sich die in Mexiko exilierte KPD-Gruppe von der deutschen Bevölkerung wegen ihrer antijüdischen Verbrechen losgesagt – hatte ihren Ursprung in der Volksfront.
Dass Schriftsteller/innen wie Anna Seghers, Bodo Uhse und Ludwig Renn trotz ihrer KPD- und späteren SED-Mitgliedschaft mit der Staatsideologie der DDR zwangsläufig kollidieren mussten, hat Birgit Schmidt in ihrer Dissertation Wenn die Partei das Volk entdeckt aufgezeigt. Heute Abend wird sie erneut die Frage nach dem Zusammenhang zwischen (deutsch)nationaler Volksfrontideologie und der Verfolgung von Menschen stellen, die jüdisch und/oder homosexuell waren, auf jeden Fall mehrsprachig, weitgereist und kritisch, - kosmopolitisch also, wie der Vorwurf letztlich lautete.
Birgit Schmidt veröffentlichte zuletzt „Freundliche Frauen. Eine Kritik an der Juden- und Frauenfeindlichkeit des esoterischen Feminismus“ und „Kein Licht auf dem Galgen. Ein Beitrag zur Diskussion um KPD/SED und Antisemitismus“.
Schwulenhaß und Männerbund. Die autoritäre Sehnsucht im deutschen Sprechgesang
Wenn sich niemand mehr wundert, dann stimmt etwas nicht: An der Musik kann es nicht liegen, daß deutscher Sprechgesang zur beliebtesten Stilrichtung unter männlichen Jugendlichen geworden ist. Die Einfallslosigkeit der Samples, die Stereotypie der Pose, der immergleiche Sprechrhythmus, mit dem sich deutsche Rapper gegen den Flow und den Sprachwitz amerikanischer Rapper abgrenzen wollen, indem sie noch männlicher, d.h. unmusikalischer daherkommen, leben schon längst mehr von Street-credibility, also der Beschränktheit der Instrumente wie des eigenen Geistes, sondern von scheinbarer Provokation.
Die Inhalte dieser Provokation der deutschen Bürgerwelt sind hinlänglich bekannt: Schwulenhaß und Frauenverachtung, Rassismus und Antisemitismus, Antiamerikanismus und eine merkwürdige Affinität zum Islam. Allerdings sind gerade letztere zu Provokation in Deutschland kaum geeignet, weil das Ressentiment den allgemeinen Geisteszustand kennzeichnet. Gegen Schwulenhaß und Frauenverachtung im deutschen Sprechgesang protestieren jedoch viele, von Claudia Roth bis zum Lesben- und Schwulenverband in Deutschland: Das will man doch lieber dem Iran und anderen Ländern überlassen, bei denen man sich damit beruhigen kann, daß es sich bei Gepflogenheiten wie Steinigungen um kulturelle Eigenheiten handele.
Weil das eine Ressentiment geteilt wird und das andere nicht etwa verurteilt würde, weil es menschenverachtend und antizivilisatorisch ist, sondern schlicht, weil man zwar so denken, aber nicht so sprechen dürfe, also weil es nicht politisch korrekt formuliert wird, erscheint es in der öffentlichen Debatte so, als seien die schwulen- und frauenfeindlichen Texte deutscher Rapper Ausfälle einer ansonsten kommoden Subkultur. Die zur Eingrenzung dieser Ausfälle unternommenen Bemühungen erinnern nicht zufällig an die akzeptierende Sozialarbeit mit Nazis, deren Erfolg darin bestand, das Nazitum zur Alltagskultur zu machen.
Was aber, wenn es sich, ähnlich wie bei den Zonen-Nazis der neunziger Jahre, nicht um Irregeleitete handelt, sondern um Überzeugungstäter? Wenn es tatsächlich nicht um die Musik, sondern um die Botschaft geht? Der Schwulenhaß und die Frauenverachtung sind nicht zufällig mit zivilisationsfeindlicher Ideologie verbunden: die Frauen- und Schwulenemanzipation sind ja nicht zuletzt ein Resultat der Zivilisation. Und an die, die der Zivilisation etwas zu danken haben, heftet sich der Haß derer, die von sich meinen, zu kurz gekommen zu sein und immer übers Ohr gehauen zu werden. Kurzum: Deutscher Hiphop ist wegen der Haß-Texte erfolgreich und nicht wegen der Musik. Auf den Konzerten treffen sich männliche Jugendliche mit der Sehnsucht nach dem Männerbund, die auch ansonsten für klare Verhältnisse sind. Die Männlichkeit, mit der sie imponieren wollen, ist so hohl, daß sie Schwule und Frauen, die für eine unbekannte Verheißung stehen, hassen müssen. Und sie glauben dem, der ihnen das erzählt.
Der Männerbund, das wußten schon die Vertreter der Kritischen Theorie nach ihrer Studie über Autorität und Familie, ist die Keimzelle autoritärer Herrschaft. Das Bedürfnis nach einfachen Herrschaftsverhältnissen, wie sie in Banden und Gangs vorherrschen, korrespondiert mit einer Homophobie, die das gleichgeschlechtliche Verlangen im eingeschlechtlichen Zusammenhang leugnen und nach außen projizieren muß.
Interview mit Tjark Kunstreich bei Radio Corax 01.04.2008 [freie-radios.net]
Vortrag von Tjark Kunstreich [in 5 Teilen]
Vortrag von Stephan Grigat Die iranische Bedrohung und die Kampagne STOP THE BOMB
Bündnis gegen das iranische Vernichtungsprogramm
„Die OMV begegnet ihren Geschäftspartner auf gleicher Augenhöhe. Schließlich entspricht der Respekt vor Mensch und Umwelt unseren ethischen Prinzipien.“ Diese Botschaft verkündete das zu über 30 Prozent in Staatsbesitz befindliche österreichische Unternehmen im September in ganzseitigen Inseraten in österreichischen Zeitschriften. Dieser Respekt scheint momentan vor allem den islamischen Misogynikern, Schwulenmördern und Antisemiten in Teheran zu gelten, nicht ihren Opfern. Ansonsten ließe sich schlecht erklären, wie das geplante 22-Milliarden-Euro-Geschäft mit dem Iran, das gemeinsam mit den Milliardengeschäften der deutschen Wirtschaft das Bündnis mit dem iranischen Apokalyptiker-Regime weiter befestigen würde ,zu den „ethischen Prinzipien“ des Unternehmens passt. weiter lesen..
Stephan Grigat ist Lehrbeauftragter für Politikwissenschaft an der Universität Wien, Mitherausgeber des Bandes "Der Iran – Analyse einer islamischen Diktatur und ihrer europäischen Förderer", der im März 2008 im Studienverlag erscheint, und Autor von "Fetisch und Freiheit. Über die Rezeption der Marxschen Fetischkritik, die Emanzipation von Staat und Kapital und die Kritik des Antisemitismus" (ça ira 2007). Er gehört zu der Gruppe Café Critique und hat die Initiative STOP THE BOMB – Bündnis gegen das iranische Vernichtungsprogramm mitinitiiert.
Der Vortrag wurde im Rahmen einer Infokampagne am 8. Februar 2008 von ak antifa potsdam veranstaltet.
Die Dialektik von Einheit und Differenz. Über Ursprung und Geltung des Pluralismusprinzips in den Vereinigten Staaten von Amerika
Buchvorstellung und Diskussion mit Sebastian Voigt
Conne Island - Koburger Str. 3, Leipzig
Di. 26.02.2008, 19:00 Uhr
Amerika ist bis heute eine terra incognita im europäischen Bewusstsein. Der Hass auf die Moderne ist meist mit einem starken Antiamerikanismus verbunden. Historisch war Amerika jedoch oft der einzige Fluchpunkt für politisch Verfolgte in Europa. Für Millionen Einwanderer, die vor einer desperaten sozialen Situation flohen, bot es die Möglichkeit eines Neuanfangs. Aufgrund der bis heute anhaltenden Einwanderung haben sich spezifische politische Strukturen herausgebildet, die es als Nationalstaat von europäischen unterscheiden. Hierzu gehört auch ein inklusives Verständnis der Staatsbürgerschaft, das immer wieder neu aushandeln muss, was es bedeutet „Amerikaner zu sein“. Amerika hat sich zur bürgerlichen Gesellschaft par excellence entwickelt und es steht paradigmatisch für eines der zentralen Probleme der Moderne: der Dialektik von Einheit und Differenz.
Dies soll im Vortrag anhand deutscher Revolutionäre im 19. Jahrhundert demonstriert werden, die in Amerika zu „verlässlichen und konservativen Bürgern“ (Carl Schurz) wurden. Viele Revolutionäre vertraten eine dezidiert pro-amerikanische Haltung und einige forderten gar den Einmarsch amerikanischer Truppen in Europa, um die feudalen Verhältnisse ein für allemal auf den Müllhaufen der Geschichte zu befördern.
Am Beispiel der jüdischen Einwanderung wird die Diskussion nachgezeichnet, die sich zwischen den beiden Polen Schmelztiegel und kultureller Pluralismus bewegte, und die für die aktuellen Debatten in Europa über Migration, Integration und Assimilation einen großen Erkenntniswert besitzt.
Interview mit Sebastian Voigt bei Radio Corax 26.02.2008 [freie-radios.net]
Der Prophet des schlechten Lebens.
Über Gandhi und die Bedürfnisse seiner deutschen Anhänger
Am 30. Januar 1948 starb Gandhi bei einem Attentat in Delhi. Von seinen Anhängern als Mahatma (dt. „große Seele“) gefeiert, gilt der greise Friedensstifter auch 60 Jahre nach seinem Tod als fraglose moralische Autorität und wird als einer der Urväter des Pazifismus gehandelt. Mit den Schüssen des Attentäters segnete Gandhi zwar für immer das Zeitliche, seine Ideologie hingegen erlebt in jüngster Zeit nicht nur unter dem Label der No-Globals eine bemerkenswerte Renaissance.
In der Bundesrepublik ist es vor allem das zweifelhafte Verdienst der Neuen Linken, Gandhis Weltanschauung ins neue Jahrhundert gerettet zu haben. Die Tradition des von Gandhi vertretenen zivilen Ungehorsams, bei der man sich direkt auf den „Prediger der Gewaltlosigkeit“ (Oskar Lafontaine) bezieht, reicht dabei in Deutschland von den 68er Sit-ins bis zu den 2007er Blockaden des G8-Gipfels. Doch Gandhi ist keinesfalls ausschließlich das Vorbild linker Gipfelstürmer und ihrer sozialdemokratischen Sympathisanten. Wenn die Bildzeitung eine groß angelegte Plakatkampagne mit einem Gandhi-Foto und dem Slogan „Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht!“ einleitet, lässt sich daran vor allem auch eines ablesen: In dem Maße, in dem sich die deutsche Bevölkerung in ihrer Gesamtheit zunehmend friedensbewegt und antiimperialistisch geriert, gewinnt auch Gandhis Ideologie an steigender Attraktivität.
Es ist nicht verwunderlich, dass sich auch in der Neuen Rechten immer häufiger positive Bezugnamen auf Gandhi finden lassen, und Horst Mahler beispielsweise von seinen Kameraden fordert: „Von Mahatma Gandhi lernen!“ Was die Gandhi-Freunde von rechts bis links eint, ist der Traum vom „einfachen Leben“, den auch ihr Vorbild träumte. Gandhi bietet dabei alles, was das zivilisationsfeindliche Herz höher schlagen lässt. Seine Ideologie bedient die Sehnsucht nach der regressiven Wärme des Kollektivs ebenso, wie den Wunsch, sich für eben dieses Kollektiv mit dem Leben zu opfern. Sie offenbart ein organisches Gesellschaftsverständnis und bietet mehr als genügend Anknüpfungspunkte für rechte Völkerfreunde und linke Kulturrelativisten. Dass Gandhi zu keinem Zeitpunkt etwas Emanzipatorisches anhaftete – dass sein ganzes Leben und Wirken also ein konsequenter Abgesang auf Freiheit, Glück und Lust war –, und dass es weder Zufall, noch Strategie zur Vereinnahmung linker Ideen ist, wenn sich auch Nazis positiv auf ihn beziehen, soll der Vortrag erläutern.